Übernachtung in der DDR Suche Doppelzimmer, Ferienwohnung, Zeltplatz

Individuelles Reisen war nicht das, was die politische Führung der DDR fördern wollte. Und doch blieb ihr nichts anderes übrig: Volkes Wille und der Mangel an staatlichen Urlaubsplätzen sorgten für einen Boom von Camping und Sofaübernachtungen.

Zeltplatz
Camping-Boom in der DDR: Aus Mangel an Alternativen wurde Urlaub in Zelten gemacht. Bildrechte: imago/Werner Schulze

Verreisen in der DDR war so vielfältig wie abenteuerlich. Kurz Entschlossene fanden höchstens auf einen Campingplatz, aber nur außerhalb der Saison oder in touristisch wenig interessanten Gegenden ein Plätzchen zum Übernachten. Alles andere erforderte eine Menge Vorplanung. In vielen Erinnerungen zum Leben in der DDR tauchen Geschichten auf, wie mit Hilfe von "Bückware" private Ferienquartiere an der Ostsee organisiert wurden. Die waren so manches Mal ganz anders, als man sich das vorgestellt hatte. "An der Ostsee wurde alles vermietet, was ein Dach hatte", schreibt Dr. Gerlinde Fellmann, Zeitzeugin und Mitglied der "Arbeitsgruppe Zeitzeugen" der Universität Leipzig von ihren Ferien in einer Garage.

Alles FDGB?

In der DDR waren Reiseveranstalter in der Regel auch die Reisevermittler. Über die meisten Übernachtungsplätze verfügten die Ferienheime der Betriebe, die aber jeweils nur für Betriebsangehörigen nutzbar waren. Doch längst nicht alle Betriebe hatten solche Einrichtungen oder nur ein oder zwei Heime, in möglicherweise wenig attraktiven Orten. Dagegen gab es beim FDGB-Reisedienst zwar weniger Plätze, aber es konnten sich alle Gewerkschaftsmitglieder unabhängig vom Betrieb auf diese bewerben und es gab sie republikweit. Im Jahr 1984 hatten die Betriebe 413.000 Ferienplätze, der FDGB nur 135.900 Betten. Bei einer Bevölkerung von 16,7 Millionen (Jahrbuch der DDR/1984) reichte das schlicht nicht.

Ferien im FDGB-Heim
Werbung für die FDGB.. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Außerdem hatten die Reisebüros der DDR und des FDJ "Jugendtourist-Plätze", die sie vermittelten. Beide boten sehr begrenzt verfügbare Reisen ins Ausland an, vermittelten aber auch in Hotels und Pensionen im Inland. Im Reisebüro war allerdings auch das Inlandskontingent sehr begrenzt. Jugendtourist hingegen hatte Schüler und Jugend im Blick und vermittelte vor allem in die 241 Jugendherbergen und die 20 Jugendtourist-Hotels im Land.

Reiseveranstalter vieler Art

Interessanterweise gab es aber auch ganz "artfremde" Reiseveranstalter in der DDR. Dazu gehörten der Kulturbund mitsamt seinen untergeordneten Einrichtungen, der Deutsche Turn- und Sportbund (DTSB), die Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft (DSF), die Gesellschaft für Sport und Technik (GST) und der Verband der Kleingärtner, Siedler und Kleintierzüchter. Die aktivsten Reisenden im DTSB sammelten sich beispielsweise in den Vereinen des Wasserwander- und  Radwandersports, der Motortouristik und des Wander- und Klettersports. Ein Grund für die stark steigenden Mitgliederzahlen wird die Möglichkeit gewesen sein, mit der Sektion zwar zweckgebunden und organisiert, aber staatsfern zu reisen. 1979 hatten die 500 Touristik-Sektionen des DTSB etwa 25.000 Mitglieder. Nur fünf Jahre später, 1984, war die Zahl auf weit über das Doppelte, nämlich 67.238, gestiegen.

Individuelles Reisen passte nicht zur Planwirtschaft

Regelmäßig in den Ferien gab es in den besonders beliebten Feriengegenden lange Schlangen vor den Lebensmittelläden, Eisdielen, Cafés und Restaurants. Geduldig warten, um ein paar Frühstücksbrötchen oder eine Portion Softeis zu bekommen, das war normal. Die Zahlen, wie viele Menschen individuell, also nicht mit den oben genannten Reiseveranstaltern, in die Ferien fuhren, wurden nie erhoben, aber mehrmals geschätzt: zwischen 40 und 50 Prozent mussten oder wollten Alternativen suchen. Das Problem war, dass die Planwirtschaft den Bedarf dieser Urlauber nicht kalkulieren konnte. So gehörte zum Urlaubsgepäck immer auch Verpflegung, da man nicht wusste, was man am Urlaubsort bekommen würde. Die meisten der unorganisiert Reisenden waren Camper. Ab 1956 wurden nicht nur die Kapazitäten der Zeltplätze ausgebaut, sondern auch mehr Zelte, Kocher und andere Ausrüstungsgegenstände produziert. Die Ausgaben für Campingartikel und Zubehör verdreifachten sich zwischen 1961 und 1967, schreibt Autor Thomas Schaufuß in "Die politische Rolle des FDGB-Feriendienstes in der DDR". Er beschreibt auch die Skepsis, die die DDR dem Camping entgegen brachte.

Den Regierenden war der Campingurlaub zunächst ein Dorn im Auge, denn hier entzogen sich Hunderttausende der Kontrolle durch den Staat, indem sie der individualistischen Feriengestaltung gegenüber dem Kollektivurlaub den Vorzug gaben. Auf dem Campingplatz entzogen sich die Urlauber der staatlich gelenkten Erholung und setzten auf Improvisation und Eigeninitiative gegen Betreuung und Kontrolle sowie Solidarität der Gruppe gegen verordneten Kollektivismus. Umfragen aus den 1960er Jahren bestätigen diese Befürchtung. So gaben 70 Prozent der Befragten die freie Gestaltung des Tagesablaufs, unabhängig von den Essenszeiten, 64 Prozent die größere Ungezwungenheit gegenüber anderen Urlaubsformen und 51 Prozent die nicht zwanghafte Bindung an einen bestimmten Termin als Grund für ihre Wahl an.

Thomas Schaufuß "Die politische Rolle des FDGB-Feriendienstes in der DDR", Duncker & Humblot, 2011

Vor allem im Sommer an der Ostsee hatten die Zeltplätze eine Art Ventilfunktion für Menschen, die weder über den eigenen Betrieb noch über den FDGB einen Ferienplatz bekommen konnten.

Der Bezirk Rostock hatte demzufolge mit 54 Zeltplätzen für 94.500 Camper die meiste Kapazität. Allerdings lag das vorhersehbare Ende des kontinuierlichen Ausbaus bei 100.000 Stellplätzen. Immerhin waren die Camper in ihrem Bedarf ganz gut zu kalkulieren. Denn um in den Schulferien einen der begehrten Plätze zu bekommen, musste man sich offiziell ein halbes Jahr vorher anmelden, inoffiziell bereits bei der Abreise im Vorjahr.

Hotelführer der DDR

Der Fokus der Bauwirtschaft der DDR lag immer auf dem Wohnungsbau. Das erklärt, warum es nicht nur zu wenige Hotelbetten gab, sondern verglichen mit anderen sozialistischen Ländern eine viel geringere Quote. In der ČSSR zum Beispiel kamen 5,3 Hotelbetten auf tausend Einwohner, in der DDR waren es nur 2,3 Betten. Alle Häuser waren in einem schmalen Büchlein erfasst, das "Hotelführer der DDR" hieß und keine Anhaltspunkte für zu erwartende Preise enthielt. Denn die schwankten stark, je nach dem, woher ein Gast kam. Ausländer mussten mehr zahlen und besonders gern gesehen waren diejenigen, die ihre Rechnungen mit D-Mark oder Dollar beglichen. Denn da die DDR-Mark auf dem Weltmarkt nicht anerkannt war, brauchte die DDR sogenannte "frei konvertierbare" Währung. 1965 gab es 2500 dieser Interhotel-Betten, 1989 waren es dann 16.800. Die anderen Hotels konnten zu ganz verschiedenen Institutionen gehören: den Handelsbetrieben HO und Konsum, aber auch dem Versorger Mitropa, Betrieben wie der Wismut, den LPGs und eben zum Reisebüro der DDR. Ihre Kapazitäten waren oft langfristig im Voraus gebunden, für Messen, Tagungen, Staatsbesuche. Aber es war möglich, privat ein Zimmer zu bekommen, wenn man einige Monate im Voraus anfragte und flexibel im Termin war.

Zelten, Pärchen mit Kleinkind 1972
Zelten war in der DDR en vogue. Bildrechte: imago/Gerhard Leber

Wer in einem Ort ein Zimmer brauchte, der konnte sich an ein Büro mit dem Namen "Zimmernachweis" wenden. In Leipzig beispielsweise war dieses am Hauptbahnhof. Dort mussten sich auch alle Besucher aus dem Ausland registrieren lassen und fünf Mark pro Tag Gebühr bezahlen.

Aktion Rose

An der Ostseeküste der DDR wurden im Februar 1953 insgesamt 440 Hotels, Pensionen und Restaurants widerrechtlich und gewaltsam enteignet. Die teilweise seit Generationen in Familienbesitz bewirtschafteten Häuser gingen allesamt in den Besitz des FDGB-Feriendienstes über, der damit schlagartig seine Kapazitäten an der bliebten Ostsee maßgeblich erhöhte. In der ganzen DDR gab es in der Folge höchstens vereinzelt private Pensionen, die aber nicht öffentlich erfasst wurden. Ausführlich zur Geschichte des FDGB-Feriendienstes, der Idee der sozialen Reisen und den enormen Kosten für den Staatshaushalt schrieb Thomas Schaufuß das Buch "

Trautes Heim: Geschäft und Rückzug

Zum Beispiel im Erzgebirge gab seit Anfang des 20. Jahrhunderts traditionell Übernachtungsmöglichkeiten in privaten Häusern. In den 60er Jahren reduzierten sich diese massiv, da nun der FDGB-Feriendienst um diese Zimmer warb. Für die Vermieter war der feste Vertrag mit dem FDGB ein besseres und einfacheres Geschäft, als selbstständig zu vermieten. Mittels zentraler Häuser im Ort, in denen gegessen wurde und wo sich die Gäste aufhalten konnten, entstand eine ungewöhnliche Form des Urlaubs: wohnen unterm Dach von Fremden, zum Essen gings drei Mal am Tag, oft einen ordentlichen Fußmarsch quer durch den Ort, in eine zentrale "Verpflegungsstelle". Ein Großteil der FDGB-Urlaube lief so ab. Einen der Aufenthalte in den attraktiven, neu gebauten Ferienheimen in Oberwiesenthal oder Klink an der Müritz zu bekommen, war sehr selten.

Die privaten Zimmer oder Bungalows, die weiter privat vermietet wurden, waren sehr begehrt. An der Ostseeküste genügten sie dabei oft genug dem Credo: Hauptsache an der See. Um eines zu bekommen, musste man jemanden kennen, der jemanden kennt. Oder auf eine der Annoncen warten, die DDR-weit in der Zeitung "Wochenpost" oder in regionalen Blättern erschienen. "Obwohl damit eine Schwächung des Ziels der Vergesellschaftung des Urlaubs verbunden war, mussten die verantwortlichen Tourismusplaner 1984 eingestehen, dass Privatunterkünfte als ein wichtiger Bestandteil der Beherbergungskapazitäten des Erholungswesens in ihrem jetzigen Umfang zu erhalten seien" resümiert Thomas Schaufuß in seinem Buch "Die politische Rolle des FDGB-Feriendienstes in der DDR".

Über dieses Thema berichtete der MDR auch im TV: MDR FERNSEHEN | MDR Zeitreise - Sofa frei im Erzgebirge | 22. März 2020 | 22:00 Uhr