29.06.2020 | 17:46 Uhr Unfallforscher: "Müssen viel, viel mehr an Infrastruktur für Fahrradfahrer arbeiten"

Zwei Radfahrer sind allein vorige Woche auf Sachsens Straßen tödlich verletzt worden, eine weitere Radfahrerin wurde schwer verletzt. Die Zahl der schweren Unfälle nimmt zu. Aber wo passieren die meisten schweren Radunfälle? Und wie muss man Radfahrer besser schützen? Ein MDR SACHSEN-Gespräch mit dem Leiter der Unfallforschung der deutschen Versicherer (UDV) Siegfried Brockmann.

Fahrradunfall
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Frage: Mehrere schwere Fahrradunfälle haben in den vergangenen Tagen in Sachsen Schlagzeilen provoziert. Welche Tendenz stellen Sie für 2020 fest?

Siegfried Brockmann: In den beiden vergangenen Jahren sind die Zahlen mit verletzten und getöteten Fahrradfahrern bundesweit nicht gesunken. Wir hatten zuletzt einen deutlichen Anstieg des Fahrradverkehrs. In Corona-Zeiten fahren noch mehr Menschen Fahrrad als sonst, weil der ÖPNV gemieden wird. Meine Prognose ist, dass wir im ersten Halbjahr 2020 einen deutlichen Rückgang der Unfallraten haben, weil mehrere Wochen lang weniger Autos fuhren. Mittlerweile ist der Berufsverkehr wieder so dicht wie immer und der Lieferverkehr nimmt stetig zu. Im zweiten Halbjahr werden wir deshalb deutlich mehr Radunfälle feststellen müssen, auch mehr als im 2. Halbjahr 2019.

Unfallzahlen in Sachsen im Vergleich 2014 und 2019
Unfallbereich Jahr 2014 Jahr 2019
Verunglückte Fahrradfahrer insgesamt 3.983 4.170
getötete Fahrradfahrer (inkl. Pedelecs) 24 29
Fahrradfahrer an Unfällen mit Personenschäden 4.320 4.497

Quelle: Statistisches Landesamt/Straßenverkehrsunfälle im Freistaat Sachsen 2019

Welche Schwerpunkte bei Fahrradunfällen gibt es?

Etwa 70 Prozent der von Kraftfahrzeugen verursachten Fahrradunfälle ereignen sich an Kreuzungen beim Abbiegen, an Einmündungen und an Grundstücksausfahrten. Das Problem ist, dass der Radverkehrsanteil steigt, aber die Infrastruktur nicht mithält. Radfahrer sind heute immer schneller unterwegs. Nehmen wir das Beispiel Radschnellwege. Die Radrouten in die Innenstädte ziehen zusätzliche Radfahrer an. Das ist wie bei Autobahnen. Baut man die, wächst auch der Verkehr. Die Radfahrer aus dem Umland treffen in den Innenstädten jedoch auf veraltete Infrakstruktur. Wer Radwege plant, muss immer auch das Tempoproblem und die Unfallzahlen im Auge behalten.

Wie muss Abhilfe aussehen?

Wir müssen viel, viel mehr an der Infrastruktur für Fahrradfahrer arbeiten. Getrennte Ampelschaltungen an Kreuzungen hört sich zum Beispiel nicht wahnsinnig kompliziert an. Dafür braucht es aber Platz und Ampeltechnik. Die Verteilungskämpfe um Verkehrsflächen müssen ausgefochten werden. Das ist nötig.

Wer mehr Platz und Sicherheitsabstand für Fahrradfahrer will, muss bei Parkplätzen und Stellflächen sparen. Das geht auch zu Lasten von Gewerbetreibenden, die auf den Lieferverkehr angewiesen sind. Wo sollen Transporter dann halten? Solche Konflikte müssen ausdiskutiert werden. Ich bin auch ein Freund von Fahrradstaffeln.

Was genau meinen Sie damit?

Die Fahrradstaffel der Polizei. Sie wirkt in alle Richtungen: gegen Falschparker, aber auch gegen falsches Verhalten der Radfahrer. Das dürfen wir in der Diskussion auch nicht vergessen, dass es genügend Radfahrer gibt, die ihr Schicksal selbst verursachen und sich nicht nicht an die StVO halten. Die StVo gilt auch für Radfahrer, vor allem bei der Grundvoraussetzung, so zu fahren, dass man bei erkannter Gefahr rechtzeitig zum Stehen kommen kann.

Was sagen Sie zu Tipps wie dem holländischen Griff beim Öffnen der Autotür beim Aussteigen?

Andreas Becht vom ACE demonstriert den Holländischen Griff
Andreas Becht vom ACE demonstriert den holländischen Griff, den Autofahrer beim Aussteigen anwenden sollten. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Mit dem holländischen Griff machen Autofahrer nichts falsch, der sensibilisiert fürs Thema. Wenn ich mit der rechten Hand die Fahrertür öffne, drehe ich den Kopf um 90 Grad. Der Kopf müsste sich allerdings um 160 Grad wenden, wenn man den Radfahrer wirklich rechtzeitig sehen will und er noch die Chance für einen Anhalteweg haben soll.

Besser wäre, Autohersteller würden Sensoren an Pkws auch dafür nutzen, um vor nahenden Radfahrern zu warnen oder gleich die Tür zu blockieren. Das mögen Hersteller aber nicht, weil manche Autofahrer Platzangst bekommen könnten. Ein Warnton wäre ja auch schon etwas.

Und der neue Mindestabstand laut StVO beim Überholen von Radfahrern - wird der sich positiv auf die Unfallzahlen auswirken?

Ich würde stark befahrene Landstraßen ohne Radweg an der Seite nicht befahren. Wie man dort teilweise abgedrängt wird, das ist die Hölle! In der Stadt ist es nicht besser, aber man kann es sich ja nicht aussuchen. Mehr Abstand beim Überholen wäre also gut, aber im Grunde pure Theorie. Auf schmaleren Landstraßen und in Anwohnerstraßen mit parkenden Autos links und rechts müssten Autofahrer hinter dem Radfahrer bleiben. Dazu fehlt denen aber meist die Geduld und Polizei ist nicht in Sicht

Abschließend noch eine Frage zu E-Bike-Unfällen: Welche Rolle spielt diese Fahrradart in der Unfallbilanz?

Die Altersgruppe jenseits der 70-Jährigen spielte bei Unfällen kaum noch eine Rolle. Sie fuhren wenn, dann nur noch kurze Strecken mit dem Rad. Heute sitzen Ältere auf E-Bikes, fahren Tempo 25 und mehr und die Unfallzahlen schnellen in die Höhe. Es sind viele ältere Menschen dabei, die ohne dieses neue Mobilitätsangebot gar nicht mehr Radfahren könnten. Pedelecs sind ziemlich schwer. Das unterschätzen viele. In unsicheren Situationen oder auf unebenem Boden fehlen dann Kraft und Gleichgewichtssinn. Hinzu kommt, dass auch nur etwa 15 Prozent der älteren Radfahrer Fahrradhelme tragen.

Quelle: MDR/kk/kh

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 25.06.2020 | ab 07:00 Uhr in den Regionalnachrichten aus dem Studio Leipzig

Mehr aus Sachsen