Kolumne Der Angriff des Corona-Dings – und was er für unser Leben bedeutet

Portrait-Bild von Uli Wittstock
Bildrechte: Uli Wittstock/Matthias Piekacz

Es hat ein paar Wochen gedauert, bis Virologen in der Liste der umstrittenen Experten die Meteorologen vom Spitzenplatz verdrängt haben. Aussagen über den Fortgang der Corona-Pandemie scheinen schwieriger zu sein als Wettervorhersagen. Für uns aufgeklärte Menschen ist das eine echte Zumutung. Bislang waren wir es gewohnt, dass große Teile unseres Alltags planbar sind. Im fünften Teil des MDR SACHSEN-ANHALT-Wochenthemas macht Kolumnist Uli Wittstock Anmerkungen dazu.

Versammlung in Dresden gegen Corona-Maßnahmen
Protest gegen Corona-Maßnahmen: In vielen Städten gehen Menschen auf die Straßen (Archivbild aus Dresden) – im Westen aber mehr als im Osten. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Wer in der Lutherstadt Wittenberg mit offenen Augen unterwegs ist, der trifft irgendwann auf den Namen Tycho Brahe. Eine Hinweistafel erklärt, dass der berühmte dänische Astronom einst an der Wittenberger Universität studierte, um später als Astronom und Astrologe den Kaiser Rudolf in Prag zu beraten. Ob dereinst auch dem Herrn Drosten, seines Zeichens Virologe und nicht Astrologe, ein solcher Nachruhm beschert sein wird, lässt sich derzeit nicht absehen. Aber so wie einst jeder Herrscher einen Astrologen zu Rate zog, so stehen nun Virologen an der Seite der Mächtigen.

Christian Drosten spricht neben Anja Karliczek
An der Seite der Mächtigen: Wissenschaftler wie der Virologe Christian Drosten (rechts), hier neben Bundesbildungsministerin Anja Karliczek Bildrechte: dpa

Die allerdings blicken nicht auf den Lauf der Gestirne, um in die Zukunft zu blicken, sondern beugen sich über Zahlen und Statistiken, um den richtigen Kurs durch die Pandemie zu bestimmen. Das Verstörende für uns Laien ist jedoch, dass drei Virologen ausreichen, um innerhalb weniger Tage mindestens vier gegensätzliche Meinungen zu produzieren, die dann auch noch in den sozialen Netzwerken mutieren und wuchern, sich seuchenartig ausbreiten und schließlich die öffentliche Meinung befallen wie eine Plage. Wissenschaft hatte ich mir als aufgeklärter Zeitgenosse irgendwie eindeutiger vorgestellt. Aber das war wohl eine Illusion, die nun zerplatzt wie eine Virushülle im Seifenwasser.

Von Eiferern, Mahnern und Ketzern

Und so sind wir nun plötzlich wieder dort angelangt, wo wir uns eigentlich schon lange nicht mehr verorteten hatten, nämlich im vorwissenschaftlichen Raum des Glaubens. Der eine glaubt an die virenpolitischen Entscheidungen, der andere eben nicht. Und so lässt sich nun die gesamte Bandbreite menschlicher Glaubensmanifestationen beobachten. Da gibt es die Corona-Eiferer, die ihre Nachbarn anschwärzen, wegen angeblicher Verletzung der Kontaktsperre. Dann gibt es die Corona-Mahner, welche davon leben, das Ende der Welt "wie wir sie kennen" zu verkünden und die Corona-Propheten, die das Aufdämmern einer neuen Zeit gesehen haben wollen.

Und dann natürlich, in letzter Zeit stark wachsend, gibt es auch noch die Corona-Ketzer. Ein bunter Haufen, der plötzlich ganz neue Koalitionen formt: Impfgegner, Reichsbürger, heimatlose Linke und heimattreue Rechte stehen plötzlich zusammen, vereint gegen die Obrigkeit, offenbar das eigentliche Virus.

Ein hochaufgelöstes, wissenschaftlich genaues Modell des neuartigen Coronavirus Sars-CoV-2, in dessen Umgebung sich Antikörper befinden
Hält sich nach Meinung unseres Kolumnisten weder an demokratische, noch an undemokratische Spielregeln: das Coronavirus Bildrechte: Visual Science

Ist denn die Welt verrückt geworden?

Ist denn die Welt verrückt geworden, fragt sich so mancher und ein Chor von Wirklichkeitsverweigerern antwortet mit einem vielstimmigen "Ja". Mit Blick in die Geschichte schwant Düsteres, denn eine Verständigung über Glaubensgrenzen hinweg war schon immer schwierig.

Das alles kann aber eigentlich nicht verwundern. Denn dieses Corona-Dings ist eben auch ein Angriff auf die Art und Weise, wie wir auf unsere Umwelt blicken. Wir haben uns ja daran gewöhnt, sie als einen gestaltbaren Ort wahrzunehmen, der nur einen Bebauungsplan braucht, um irgendwie bewohnbar zu sein. Da aber tanzt das Virus aus der Reihe, hält sich weder an demokratische noch an undemokratische Spielregeln, sondern folgt nur dem eigenen genetischen Programm, ein störrisches Stück unbelehrbarer DNA offenbar. Und so sorgt Corona für eine wenig strahlende Erkenntnis: Das Leben an sich ist unsicherer als jeder Bankkredit.

Dass dieser Befund Ängste mobilisiert, ist also erklärbar – welcher Art diese Ängste sind, ist dann aber schon überraschend.

Zunächst muss man aber vorausschicken, dass nicht jeder, der gegen Mundschutz, Ausgangbeschränkung oder Gaststättenschließung protestiert, Verschwörungserzähler, Rechtsradikaler, Reichsbürger oder Impfgegner ist. Es gibt ein legitimes demokratisches Recht, gegen die Entscheidungen von Politik und Verwaltung zu demonstrieren, was ja in den letzten Wochen mehrfach von Gerichten bestätigt wurde. Also zumindest in dieser Hinsicht scheint der Rechtstaat keinen dauerhaften Schaden genommen zu haben.

Im Protest zeichnet sich eine Ost/West-Spaltung ab

Aber die vergangenen Wochen haben auch gezeigt, dass sich bei den Protesten eine merkwürdige Ost/West-Spaltung abzeichnet. Während sich in ostdeutschen Städten allenfalls mehrere Hundert Menschen versammeln, sind es in Stuttgart oder München gleich mehrere Tausend. Bemerkenswert ist dabei, dass es selbst in protestfreudigen Ländern wie Italien oder Frankreich – die zugleich deutlich härtere Einschränkungen hinnehmen mussten – bislang zu keinen solchen Demonstrationen kam. Dort war die Wahrheit des Virus aber auch eine andere.

Querdenken Demo auf dem Canstatter Wasen - Tausende Menschen besuchen die Veranstaltung
In Stuttgart haben zuletzt Tausende gegen die Maßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus demonstriert. Bildrechte: imago images/7aktuell

"Verschwörungstheoretiker gibt es in vielen Ländern. Nirgends gehen sie so laut auf die Straße wie in Deutschland", schreibt die Süddeutsche Zeitung. Allerdings sollte man etwas genauer formulieren: "Nirgends gehen sie so laut auf die Straße wie im Westen Deutschlands." Und eher ein wenig verschämt wird dann mitgeteilt, dass so mancher Redner in Stuttgart vor zehntausend jubelnden Zuhörern die gegenwärtige Bundesregierung mit dem NS-Regime vergleicht und offenbar überzeugt ist, dass irgendeine dunkle Weltmacht sich anschickt, die Weltherrschaft mittels 5G-Technologie und Zwangsimpfungen zu errichten.

Verkürzt könnte man sagen, der Pegidist des Westens muss wohl ein Impfgegner sein. Aber leider bleibt diese Beobachtung bis auf Weiteres medial folgenlos. Täglich erwarte ich Schlagzeilen wie "So isser, der Wessi" – und werde täglich enttäuscht. Leider fragt auch niemand, ob die Münchner Polizei auf ihrem "Impfgegner-Auge" blind ist, da sie ja offenbar widerrechtliche Zusammenrottungen dieser Impfgegner zulässt. Ist da im dreißigsten Jahr der deutschen Einheit etwa das demokratische Fundament im Schwinden? Vollzögen sich solche Aufmärsche in Halle oder Dresden, würden derartige Debatten wohl geführt werden. Es bleibt also festzuhalten, dass die deutsche Wutbürgerschaft auch in ihren Ängsten offenbar geschieden ist. Sehen sich die ostdeutschen Vertreter vor allem von Zuwanderung bedroht, so gruselt sich der westdeutsche Teil vor allem vor Spritzen und Handystrahlen.

Wenn westdeutschen Impfgegnern das Blut in den Adern gefriert

Vor sechs Wochen gab Ministerpräsident Haseloff der Zeitung "Die Welt" ein Interview und erklärte, dass Ostdeutsche besser für den Umgang mit der Corona-Krise gewappnet seien als Westdeutsche. Sie seien "sturmerprobt, was Ausnahmesituationen betrifft". Es gebe im Osten auch weniger Verstöße gegen die Kontaktbeschränkungen als im Westen, so Haseloffs Beobachtung. Ich muss einräumen, dass ich seinerzeit diese innerdeutsche Wahrnehmung für übertrieben hielt, doch möglicherweise ist diese Haseloffsche Sichtweise gar nicht so weit hergeholt. Denn so ziemlich jedes offizielle Papier der DDR, vom Pionierausweis über den Personalausweis bis hin zum Konsummarkenheft hat seine Bedeutung vollständig eingebüßt.

Bild eines DDR-Impfausweises
Die Spuren einer früheren staatlichen Gesundheitspolitik: der DDR-Impfausweis unseres Autoren Uli Wittstock Bildrechte: MDR/Uli Wittstock

Zwei Ausnahmen gibt es jedoch: die Fahrerlaubnis und der der DDR-Impfausweis. Was damals geimpft wurde, hat uns Ossis bis heute fit gehalten. Blättert man in alten Seiten, dann zeigen sich auf verblassenden Impfstempeln die Spuren staatlicher Gesundheitspolitik: "Hygieneinspektion – Impfwesen" steht da gelegentlich zu lesen. Das sind Begriffe, die westdeutschen Impfgegnern das Blut in den Adern gefrieren lassen. 

Nun gilt es jedoch, nicht alle Verfechter alternativer Medizin über den selben Leisten zu ziehen. Immerhin hat der Zentralverband homöopathischer Ärzte in Deutschland seinen Mitgliedern empfohlen, sich an den Vorgaben des Robert Koch-Instituts zu orientieren. Das führte zwar zu einer internen Debatte, zeigt aber, dass auch viele Homöopathen nicht grundsätzlich an der Realität einer Corona-Pandemie zweifeln.

Letzten Sonnabend geriet ich eher zufällig in eine sogenannten "Hygiene-Demonstration" auf dem Alten Markt in Magdeburg. In diesem Moment hatte ein älterer Herr aus Hannover das Mikrofon ergriffen, bedankte sich bei den rund einhundert Zuhörerinnen und Zuhörern und erklärte dann, dass ein Mensch Namens Bill Gates vorhabe, allen Kindern einen Chip einzupflanzen. Die Anwesenden applaudierten eher höflich.

Die meisten von ihnen dürften wohl noch einen DDR-Impfausweis besitzen.

Portrait-Bild von Uli Wittstock
Bildrechte: Uli Wittstock/Matthias Piekacz

Über den Autor Geboren ist Uli Wittstock 1962 in Lutherstadt Wittenberg, aufgewachsen in Magdeburg. Nach dem Abitur hat er einen dreijährigen Ausflug ins Herz des Proletariats unternommen: Arbeit als Stahlschmelzer im VEB Schwermaschinenbaukombinat Ernst Thälmann. Anschließend studierte er evangelische Theologie. Nach der Wende hat er sich dem Journalismus zugewendet und ist seit 1992 beim MDR-Hörfunk. 2016 erschien sein Roman "Weißes Rauschen oder die sieben Tage von Bardorf" im Mitteldeutschen Verlag Halle.

Quelle: MDR/ld

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