Mitteldeutschland Trotz Corona-Krise bislang nicht mehr Firmenpleiten

Inzwischen dürfen in den meisten Bundesländern alle Geschäfte öffnen, in den nächsten Tagen auch wieder Restaurants und Hotels. In den Fabriken wird vielerorts wieder gearbeitet. Hat die Wirtschaft den wochenlangen Shutdown jetzt überstanden?

Ein Stempel mit der Aufschrift Insolvenz liegt auf Unterlagen.
Mit einer Insolvenz erklärt sich ein Unternehmen für zahlungsunfähig. Bildrechte: Colourbox

Er ist Mitteldeutschlands bekanntester Insolvenzverwalter, war mit den Pleiten von Air Berlin, Mifa und MäcGeiz befasst. Kurzer Anruf also bei Lucas Flöther: Registriert Ihre Kanzlei eine Zunahme an Insolvenzen?

Also wir sehen momentan noch keine Zunahme der Insolvenzzahlen. Aber das soll nicht täuschen. Das ist aus unserer Sicht eher die Ruhe vor dem Sturm. Wir gehen davon aus: Die Insolvenzwelle wird kommen.

Insolvenzverwalter Lucas Flöther

Insolvenzen auf Vorjahresniveau

Diesen Eindruck bestätigt das Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle. Steffen Müller leitet dort die Insolvenzforschungsstelle. Diese hat im März und April bundesweit 1.936 Firmenpleiten gezählt – exakt so viele wie im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Dass es trotz Corona nicht mehr geworden sind, habe mehrere Gründe, erklärt Müller. So würden die staatlichen Hilfskredite und das Kurzarbeitergeld die Unternehmen entlasten.

Eine weitere außergewöhnliche Maßnahme ist, dass der Gesetzgeber die Pflicht zum Insolvenzantrag unter bestimmten Bedingungen ausgesetzt hat.

Steffen Müller, Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle

Damit müssen Müller zufolge Unternehmen, die lediglich aufgrund der Coronakrise vorübergehend zahlungsunfähig sind, nicht sofort Insolvenz anmelden. Wegen dieser noch bis September geltenden Regelung könnte die Zahl der Insolvenzen sogar noch leicht sinken, sagt Müller. Danach drohe aber durchaus eine Pleitewelle.

Probleme nur aufgeschoben?

Das sieht Professor Joachim Ragnitz vom ifo-Institut Dresden ähnlich. Gerade vergleichsweise kleine Unternehmen mit schwacher Eigenkapitalbasis, die in einem Geschäftsfeld tätig seien, das noch längere Zeit geschlossen sein werde, etwa Tourismus oder die Eventbranche, seien gefährdet. Auch bei vielen selbstständigen Künstlern oder ähnlichen Soloselbstständigen müsse man wohl davon ausgehen, dass relativ viele nicht überlebten und "dann tatsächlich aus dem Markt ausscheiden werden".

Die IHK Leipzig hat kürzlich ihre Mitgliedsunternehmen befragt. Können Sie eine drohende Insolvenz ausschließen? Rund acht Prozent konnten das nicht. Im Gast- und Tourismusgewerbe waren es sogar 32 Prozent.

Insolvenzverwalter sehen sich gerüstet

Doch wenn die Insolvenzzahlen noch steigen, was bedeutet das für die Insolvenzverwalter? Können sie alles zeitnah bearbeiten? Christoph Niering, Vorsitzender im Verband der Insolvenzverwalter, sieht das entspannt.

Wir hatten in der Finanzkrise eine Anzahl von Insolvenzen, die fast doppelt so hoch war wie die im Jahr 2019. Das heißt, wir haben eine Menge an Reserven da, die man mobilisieren kann. Wir sind es auch gewohnt, ad hoc sehr viel gleichzeitig bewegen zu können.

Christoph Niering, Verband der Insolvenzverwalter

Das Bundesland mit den wenigsten Insolvenzen je Einwohner war vergangenes Jahr übrigens Thüringen. Ob das angesichts der ausgeprägten Tourismuswirtschaft dort so bleibt, ist aber fraglich.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 11. Mai 2020 | 06:00 Uhr