Unfall oder Verbrechen? Neue Ermittlungen zu Tod eines DDR-Vertragsarbeiters

Der Tod eines 1986 an Bahngleisen aufgefundenen DDR-Vertragsarbeiters aus Mosambik gibt auch heute noch Rätsel auf. Die Todesumstände werden nun von der Staatsanwaltschaft Potsdam neu bewertet.

Ein junger Mann mit Sonnenbrille lehnt mit seinem linken Unterarm auf einer Stuhllehne (Antonio Manuel Diogo)
Manuel Diogo wurde nur 23 Jahre alt. 1986 starb er, nachdem er aus einem fahrenden Zug gefallen war. Die DDR-Behörden sprachen von einem Unfall. War es das? Bildrechte: Ibraimo Alberto

Die Staatsanwaltschaft Potsdam prüft, ob es im Fall eines 1986 unter noch ungeklärten Umständen zu Tode gekommenen DDR-Vertragsarbeiters aus Mosambik Anhaltspunkte für ein Ermittlungsverfahren gibt. Das gab das brandenburgische Justizministerium nach einer Anfrage der Landtagsfraktion der Linken bekannt.

Der damals 23-jährige Manuel Diogo war am 30. Juni 1986 an der Bahnstrecke Dessau-Berlin tot neben dem Gleisbett aufgefunden worden. Der mosambikanische Botschafter Julio Goncalo Braga berichtete "MDR-exakt" erstmals 2017, DDR-Offizielle hätten ihm mitgeteilt, dass Diogo im Zug von Neonazis getötet worden sei. In den Akten der DDR-Behörden wurde der Tod des Mosambikaners als Unfall eingestuft. Die Potsdamer Staatsanwaltschaft geht nun der Frage nach, ob es Anhaltspunkte für ein Ermittlungsverfahren gibt.

"Exakt - die Story" berichtete bereits über den ungeklärten Todesfall

Passfoto eines jungen Mannes
"Exakt - die Story" berichtete schon 2017 über den mysteriösen Tod des 1986 verstorbenen Mosambikaners. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Manuel Diogo hatte am 30. Juni 1986 seinen Freund Ibraimo Alberto in Berlin besucht, wie dieser 2017 in der "MDR-exakt" berichtete. Diogo sei auf dem Heimweg nach Coswig gewesen, wo er in einem Sägewerk arbeitete. Auf der Strecke zwischen Berlin und Dessau seien Neonazis in den Zug gestiegen. Tausende gab es davon Mitte der 1980er-Jahre in der DDR, gut organisiert. Sie gingen gezielt gegen Ausländer vor. So offenbar auch gegen den 23-jährigen Mosambikaner Manuel Diogo. Ibraimo Alberto erklärte in "MDR-exakt", dass rechtsradikale auf brutalste Art und Weise ermordet hätten. Ibraimo Alberto lebte damals in Berlin in einem Wohnheim für ausländische Vertragsarbeiter. Von den Umständen des Todes seines Freundes Manuel Diogo hatte er durch den mosambikanischen Botschafter erfahren.

"Kopf und Beine abgefahren"

Im Protokoll der Transportpolizei war später zu lesen: "Höhe Bahnhof Borne wurde männliche Leiche aufgefunden. Kopf und Beine abgefahren. Es handelt sich um eine Person mit dunkler Hautfarbe“. Weil es sich bei dem Toten um einen Ausländer handelte, schaltete sich die Staatssicherheit in die Untersuchungen ein. Lakonisch wurde einige Tage später vermerkt, Manuel Diogo habe den Zug während der Fahrt verlassen und sei überfahren worden. Hinweise auf eine Straftat lägen nicht vor.

Seit Jahrzehnten Zweifel an Unfalltheorie

Julio Goncalo Braga war zum Zeitpunkt des Todesfalls mosambikanischer Botschafter in der DDR. Er bestätigte "MDR-exakt", Diogo sei ermordet worden. "Die zuständigen Regierungsoffiziellen informierten uns über den Sachverhalt und entschuldigten sich bei uns, dass so etwas passiert wäre. So etwas sei in der DDR nicht normal. Wir haben akzeptiert, dass die DDR-Behörden diese Probleme selber lösen wollten", erklärte Braga. Pedro Taimo, der damals in der DDR für die mosambikanischen Vertragsarbeiter zuständig war, betonte ebenfalls, der offiziellen DDR-Version keinen Glauben zu schenken.

Manuel Diogo war nicht der einzige DDR-Vertragsarbeiter, der unter ungeklärten Umständen zu Tode gekommen war. Es gab eine Vielzahl rassistischer Vorfälle in der DDR, die gezielt vertuscht und verschwiegen wurden – denn Hetzjagden und Übergriffe auf Ausländer passten nicht zum eigenen Selbstbild.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Exakt - die Story | 17. November 2017 | 20:45 Uhr