Covid-19 Die Psychologie hinter Corona-Trink-Challenges

Bekommt man derzeit über WhatsApp und Co vermeintlich lustige Bilder, Videos oder Sprüche zugeschickt, geht es dabei meistens um das neuartige Coronavirus. Momentan sind Videos äußerst beliebt, die zur sogenannten "Corona-Trink-Challenge" aufrufen. Das Ziel: drei Spirituosen der Wahl in möglichst kurzer Zeit zu trinken. Lässt sich dieses Phänomen psychologisch einordnen oder ist das einfach nur Quatsch?

Alkohol
Was bei der sogenannten "Corona-Desinfektions-Challenge" getrunken wird, bleibt den Teilnehmenden selbst überlassen, nur alkoholisch muss es sein. Bildrechte: Colourbox

Seit einigen Wochen geistert eine Challenge durch die sozialen Netzwerke, vor allem über WhatsApp – die sogenannte "Corona-Desinfektions-Challenge". Die Regeln sind einfach: Man wird nominiert, trinkt drei alkoholische Getränke seiner Wahl ziemlich schnell aus, filmt sich dabei und nominiert am Ende dieser Challenge wiederum fünf andere Personen, die das Ganze ihrerseits filmen und die Nominierung wieder an fünf andere Personen schicken.

Und so verbreiten sich in den sozialen Netzwerken aktuell Szenen aus deutschen Gärten und Wohnzimmern, in denen die Teilnehmer sagen, wie sehr sie sich über die Challenge freuen, welche Spirituosen sie ausgewählt haben und warum und welche fünf Freunde sie für die nächsten Videos nominieren.

Während die einen sich noch Mühe geben, konzentrieren sich andere auf das für sie Wesentliche: das Trinken an sich, unterlegt mit einschlägigen Trinkliedern.

Zugehörigkeitsgefühl in Krisenzeiten

Warum machen erwachsene Menschen, meistens Männer, so etwas? Für die Psychologin Annegret Wolf von der Universität Halle ist das nicht nur ein feuchtfröhlicher Spaß unter Freunden. Sie sieht einen Zusammenhang zur aktuellen Corona-Krise: "Das zeigt sich eigentlich sehr häufig in Krisenzeiten, also auch während Naturkatastrophen, nach 9/11 haben wir das gesehen, dass da vermehrt soziale Medien konsumiert werden, um Informationen zu gewinnen, ein Zugehörigkeitsgefühl zu schaffen und mit anderen auch zu konsumieren."

Parallelen zu Kettenbriefen und Mutproben

Nun ist es allerdings ein Unterschied, ob ich mich über soziale Netzwerke informiere und Fotos aus dem Alltag austausche, oder mehrmals hintereinander viel Alkohol trinke und mich dabei präsentiere. Auch das ist für die Psychologin nicht überraschend und kein neues Phänomen. Es erinnert sie an die guten alten Kettenbriefe:

Kettenbriefe haben tatsächlich eine megalange Tradition in Krisenzeiten, weil sie so ein bisschen in die Unsicherheit tappen, in die Ängstlichkeit, die gerade herrscht.

Annegret Wolf Psychologin

Das Weiterleiten der Kettenbriefe schaffe ein starkes Gefühl der Verbundenheit und der Nähe, erklärt Psychologin Wolf weiter. Man freue sich darüber, dass jemand an einen gedacht habe und man von ihm nominiert worden sei.

Außerdem gewinne das Ganze sogar den Charakter einer Mutprobe. Die Challenge wecke den Wettbewerbsinstinkt, sagt die Wissenschaftlerin. Und das spreche vor allem Männer an, die sich häufig gerne messen würden. Vor allem junge Leute seien angespornt, sich der Herausforderung zu stellen und zu zeigen: Ich bin dabei – wenn nicht im echten Leben, dann wenigstens virtuell.

Aber zu mutig sollte man bei all dem Spaß nicht sein. Inzwischen warnt die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen davor, sich an solchen Trink-Challenges zu beteiligen. Die Menge, die konsumiert werde, könne akute gesundheitliche Auswirkungen haben. Außerdem sei es besonders schwer für Suchtkranke, solch einer Aufforderung zu widerstehen.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 21. Mai 2020 | 05:00 Uhr