mdrFRAGT - Das Meinungsbarometer für Mitteldeutschland Corona-Regelungen führen zu großer Verwirrung

Nahezu täglich neue Lockerungen, von Bundesland zu Bundesland unterschiedliche Maßnahmen und teils auch Sonderregeln in den Kommunen: Den Menschen fällt es schwer, die für sie geltenden Corona-Auflagen zu erfassen, wie die aktuelle Befragung von mdrFRAGT zeigt.

Wohin darf ich reisen? Wen darf ich treffen? In welchem Land ist welche Aktivität verboten? Diese und ähnliche Fragen rund um die Lockerungen der Corona-Maßnahmen verwirren derzeit viele Menschen in Mitteldeutschland, wie die aktuelle Befragung von mdrFRAGT ergeben hat. Fast zwei Drittel (61 %) der Befragten fällt es schwer, den Überblick zu behalten, was erlaubt ist und was nicht. In ihren Kommentaren haben einige Befragungsteilnehmer ihre Probleme ganz praktisch erklärt:

Mir fällt es schwer, mich durch das Wirrwarr der einzelnen Bundesländer durchzukämpfen. War zum Muttertag zu meiner Tochter nach Brandenburg eingeladen und habe "stundenlang" im Internet recherchiert, ob ich von Sachsen nach Brandenburg reisen darf. Jedes Bundesland spricht nur für sich und ich, als Bürger, muss mich quälen, um genauere Angaben zu erhalten. Das ist, vor allem, wenn man mit 70 zur "Spätjugend" zählt, sehr anstrengend.

Befragungsteilnehmerin aus Sachsen

Es sollte nun einheitlich für ganz Deutschland veröffentlicht werden wohin man z. B. mit dem Wohnmobil in Deutschland reisen darf. Da hat Norddeutschland "seine" Festlegungen und Süddeutschland "seine" Festlegungen. Das ist verwirrend und für die Allgemeinstimmung nicht förderlich.

Befragungsteilnehmer aus Thüringen

Ausführlichere, klarere Informationen gewünscht

Rund die Hälfte (48 %) der Befragten ist der Meinung, dass die Politik die Regeln klarer kommunizieren sollte. Ein Viertel (25 %) sieht hier auch die Journalisten stärker in der Pflicht und ist der Meinung, dass die Medien die Regeln ausführlicher kommunizieren sollten - so auch Befragungsteilnehmerin Roswitha Wagner (67) aus Halle. Ihr mache es Angst, dass sich die Menschen inzwischen wie vor dem Lockdown benähmen:

Die schlimme Lage muss noch deutlicher gemacht werden. Die Medien und auch die Politiker müssen noch präsenter sein und das kommunizieren. Ich finde die jetzige Aufklärung noch zu lasch.

Zu kompliziert finden 35 % der Befragungsteilnehmer die Regeln.

Lockerungen führen zu Verwirrung
Bildrechte: mdrFragt

Mehrheit ist bereit, sich an die Regeln zu halten

Knapp zwei Drittel (60 %) der Befragten ist nach wie vor bereit, sich an die geltenden Regeln zu halten. Es sind besonders die älteren Befragten, die dazu zählen: Fast drei Viertel (71 %) der über 65-Jährigen geben an, ihre Bereitschaft ist ungebrochen hoch. Befragungsteilnehmerin Christiane W. aus Saalfeld beispielsweise hält die Durchsetzung der Vorschriften für zwingend erforderlich:

Kunden werden gerade in kleinen Geschäften (z. B. Bäcker) ohne Mundschutz eingelassen. Demonstranten halten sich an keinerlei Abstandsregeln und tragen keine Masken! Hier muss besser durchgegriffen werden.

Bei den Jüngeren ist inzwischen mehr Überdruss beim Einhalten der Maßnahmen zu spüren: Bei einem Viertel (24 %) der Befragten bis 30 Jahren ist seit kurzem die Bereitschaft zurückgegangen, sich an die Regeln zu halten.

Zustimmung zu Maßnahmen nimmt ab

In den letzten Befragungen von mdrFRAGT zum Thema Corona hat sich gezeigt, dass die Zustimmung zu den beschlossenen Maßnahmen von Mal zu Mal abnimmt. Dieser Trend setzt sich auch jetzt wieder fort.

Zustimmung zu Maßnahmen sinkt
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Mittlerweile sind 26 % der Befragten der Meinung, die Mundschutzpflicht sollte komplett aufgehoben werden – 18 % würden zumindest gern weitere Lockerungen in diesem Punkt haben.

So langsam halte ich es für übertrieben, die Maßnahmen weiter aufrecht zu erhalten. Ich wohne in Dessau, hier ist die Lage seit 15 Tagen stabil bei 66 Erkrankungen. Da sollten schon Unterschiede gemacht werden zu anderen Regionen. Die Einzelhändler haben es ebenfalls schwerer die Kunden wieder in die Läden zu holen. Ich persönlich werde nicht mit Mundschutz shoppen gehen.

Befragungsteilnehmerin aus Dessau

Für die Kontaktbeschränkungen hat nur noch eine Minderheit Verständnis: Fast die Hälfte der Befragten (45 %) ist dafür, die Kontaktbeschränkungen weiter zu lockern und etwa ein Viertel (23 %) würde sie gern ganz aufgehoben sehen.

Lockerungen kommen vor allem jungen Befragten zu schnell

Die meisten Befragten (42 %) sind der Ansicht, dass die Lockerungen zu früh kamen, so auch eine Befragungsteilnehmerin aus Thüringen:

Ich denke, dass mit den Lockerungen, die jetzt für meine Begriffe viel zu schnell und zu viel auf einmal kamen, die Menschen denken, alles ist wieder gut und sich leider nicht mehr so streng an die Regeln halten werden. Ich befürchte einen erneuten Anstieg der Infektionszahlen.

Ein Drittel der Befragten hält den Zeitpunkt der Lockerungen für genau richtig, für mehr als jeden Fünften (22 %) kommen sie zu langsam. Besonders die jungen Befragten bis 30 Jahre halten den Zeitpunkt der Lockerungen für zu früh, während bei den über 65-Jährigen überdurchschnittlich viele den Zeitpunkt als genau richtig empfanden.

Nutzung der zurückgewonnenen Freiheiten

Auf Restauranttafel steht mit Kreide geschrieben: 'Hurra - Ab Freitag sind wir wieder da!'
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Einkaufen, Verwandte besuchen, Tagesausflüge – diese erst seit kurzem wieder erlaubten Aktivitäten sind die drei, die die Befragten am meisten schon wieder genutzt haben. Fast die Hälfte (47 %) von ihnen war bereits wieder in wiedereröffneten Läden shoppen. Je etwa ein Drittel hat Verwandte besucht (39 %) oder einen Tagesausflug unternommen (29 %) – jeweils rund die Hälfte hat außerdem vor, diese beiden Aktivitäten bald in Angriff zu nehmen. Restaurants im Freien möchten fast zwei Drittel (62 %) der Befragten bald wieder besuchen. In Gasträumen sitzen möchten 45 Prozent. Zurückhaltender sind die Befragten bei Kino-, Theater-, Oper- oder Konzertbesuchen. Auch, wenn dies bald wieder erlaubt sein wird, wollen 44 Prozent bis auf Weiteres darauf verzichten.

Corona wird Verhalten von vielen dauerhaft prägen

Mehr als die Hälfte (56 %) der Befragten geht davon aus, dass sich gewisse Verhaltensweisen dauerhaft ändern werden. Schaut man sich diese Gruppe der Befragten näher an, wird deutlich: Vor allem eine alltägliche Sache steht ganz oben auf der Liste: 85 Prozent von ihnen wollen öfter aufs Händeschütteln verzichten als vor Corona. Aber auch ihr Freizeit- und Konsumverhalten wollen viele verändern: Großveranstaltungen wollen 60 % weniger besuchen. Die Hälfte (51 %) will weniger fliegen und je etwa ein Drittel weniger reisen (36 %), konsumieren (36 %) oder ausgehen (32 %).

Stimmung ist zwiegespalten in Hinblick auf Corona-Entwicklungen

In Hinblick auf die Corona-Entwicklungen und –Lockerungen der letzten Tage zeigt sich ein gemischtes Stimmungsbild. Fast ein Drittel (30 %) gibt an, zwiegespalten auf die aktuelle Situation zu blicken. Erleichtert fühlt sich etwa ein Viertel (23 %), gleichzeitig gaben 39 % an verunsichert zu sein bzw. Sorge zu haben. Wir wollten auch wissen, wie die Befragten ihre Stimmung mit einem Wort beschreiben würden. Hier einige der häufigen Nennungen:

Stimmungsbild nach den ersten Lockerungen
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Vertrauensverlust für die Politik - und Aufwind für den Föderalismus

Das Vertrauen in die Politik hat weiter leicht abgenommen – und zwar auf allen Ebenen. Hatten in der letzten Befragung noch 58 Prozent der Befragten großes oder sehr großes Vertrauen in die Bundespolitik, sind es jetzt nur noch 51 Prozent. Auf Landesebene verliert die Politik 5 Prozentpunkte, auf kommunaler Ebene 3 Prozentpunkte im Vergleich zur letzten Befragung Ende April. Entscheidungen auf Bundesland-Ebene können mittlerweile jedoch mehr Menschen etwas abgewinnen als noch Ende März, als wir unsere Teilnehmer das letzte Mal befragten, ob sie föderalistische Entscheidungen in der Krise für richtig halten. 39 Prozent sind heute dafür, dass jedes Bundesland selber entscheiden darf – Ende März waren nur 16 Prozent dieser Meinung.

Mehr Akzeptanz für Länder-Entscheidungen
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Über die Befragung In einer Befragung vom 14. bis zum 18. Mai 2020 wollten wir von den mdrFRAGT-Teilnehmerinnen und Teilnehmern wissen: "Corona-Öffnungswettlauf - Chaos oder Erleichterung?"
An der Befragung haben 16.778 Menschen teilgenommen. Insgesamt sind mittlerweile 26.000 registrierte Mitglieder Teil der mdrFRAGT-Gemeinschaft.

52 Prozent der Befragten kommen aus Sachsen, 24 Prozent aus Sachsen-Anhalt und 23 Prozent aus Thüringen. Das entspricht in etwa der Verteilung der Einwohner in den drei Bundesländern.

55 Prozent der Befragten sind männlich und 45 Prozent weiblich.

Von den Teilnehmern sind drei Prozent zwischen 16 und 30 Jahre alt, 20 Prozent gehören zur Altersgruppe von 31 bis 50 Jahren, 40 Prozent zur Altersgruppe von 51 bis 64 Jahren und 37 Prozent sind 65 Jahre und älter.

Die Befragungen sind nicht repräsentativ, aber sie werden nach statistischen Merkmalen wie Geschlecht, Bildung und Beruf gewichtet. Die Gewichtung ist eine Methode aus der Wissenschaft bei der es darum geht, die Befragungsergebnisse an die real existierenden Bedingungen anzupassen. Konkret heißt das, dass wir die Daten der Befragungsteilnehmer mit den statistischen Daten der mitteldeutschen Bevölkerung abgleichen.

Wenn also beispielsweise mehr Männer als Frauen abstimmen, werden die Antworten der Männer weniger stark, die Antworten der Frauen stärker gewichtet. Die Antworten verteilen sich dann am Ende so, wie es der tatsächlichen Verteilung von Männern und Frauen in der Bevölkerung Mitteldeutschlands entspricht.

Dabei unterstützt ein wissenschaftlicher Beirat das Team von "mdrFRAGT". Mit dem MDR Meinungsbarometer soll ein möglichst breites Stimmungsbild der Menschen in Mitteldeutschland eingefangen werden – mit möglichst vielen Teilnehmenden.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR um elf | 20. Mai 2020 | 11:00 Uhr